Im Fegefeuer ist es wenigstens schön warm

02/18/2014

Zu leer, zu groß, zu teuer. Die Kirchen sind aus der Zeit gefallen. Um ihre Bauten wieder in die Gegenwart zu holen, tauschen Architekten Stühle aus oder machen das Mittelschiff zum Laufsteg.

Von Emily Bartels und Katharina Kühn

Ihren großen Auftritt haben sie heute nur noch in Reiseführern und Geschichtsbüchern. Dabei waren sie früher der Mittelpunkt des Lebens: Die Kirchen. Bis ins 19. Jahrhundert überragten ihre Türme jedes Haus in Berlin. Im Mittelalter waren sie in manchen Städten das einzige Gebäude mit Fenstern aus Glas und Mauern aus Stein. Sie waren nicht nur Gotteshaus, sondern dienten auch als Rathaus, Gericht und Marktplatz. Um ihrem Gott gerecht zu werden, brachen die Architekten einen Rekord nach dem anderen.

Audio: Antje Fehrmann über den Ort Kirche

Die längsten Schiffe sollten es sein, die höchsten Türme und Kuppeln aus Stein, von denen man nie wissen konnte, ob sie auch wirklich halten würden. Je mächtiger der Herrscher, desto prächtiger seine Kirche. Im protestantischen Preußen hieß das mit Blick auf die Katholiken in Rom: Was ihr könnt, können wir schon lange. Der Berliner Dom am Lustgarten gilt als protestantische Antwort auf den Petersdom.

Die Kirchen waren nicht nur Schmuckstücke der Stadt, sondern auch Erziehungsanstalt für das analphabetische Volk. Die Fenster erzählten von Heiligen, über den Portalen waren grausige Szenen vom Fegefeuer in den Stein gemeißelt, die zeigten, wo die Ungläubigen landen würden. Auch im Inneren brachten die Erbauer den Gläubigen Demut bei. Wer durch den Lettner, eine Abgrenzung im Mittelschiff, treten wollte, musste sich in mancher Kirche bücken, um in den dahinterliegenden Chorraum zu gelangen. Jede kleine Säule, jeder Pfeiler in den alten Kirchen lenkte den Blick auf das Wesentliche: nach oben, zu Gott. So auch in der Marienkirche am Alexanderplatz.

Zum Vergrößern bitte klicken: Die Marienkirche in Mitte

Wie alles an dem Bau strebt auch der Blick nach vorne, in die Ferne. Entrückt und weit weg von den Sitzreihen steht der Altar am Ende der langen Kirchenschiffe. Die Sitzbänke in der Marienkirche: schnurgerade und hart. Heizungen gab es früher nicht. Auch keine Mikrofone und Lautsprecher. Die Leute kamen trotzdem. Denn die Gottesfurcht gehörte zum Leben der Menschen wie Arbeit und Familie.

Das ist heute anders. Nicht nur im Gemeindeleben, auch im Stadtbild schrumpfe die Rolle der Kirche, sagt Antje Fehrmann.Sie forscht am Kunsthistorischen Institut der Freien Universität Berlin zu modernem Kirchenbau.

Audio: Antje Fehrmann über Wege in der Kirche

Seit der Reformation war die protestantische Kirche unangefochtene Nummer Eins in Preußen. Doch seit dem 18. Jahrhundert musste sie die Stadt wieder mit anderen Konfessionen teilen. 1747 veranlasste Friedrich II. den Bau der ersten katholischen Kirche nach der Reformation, die St.-Hedwigs-Kirche in Berlin. “Die Kirchen werden inzwischen von säkularen Bauten überragt”, sagt Antje Fehrmann. Fußballarenen, Flughäfen und Bankentürme sind wichtiger geworden. Schöpfungen aus Beton und Glas, die nicht mehr eine Religion, sondern der Wirtschaft huldigen. Die Kirchen planen keine neuen überwältigenden Projekte mehr. Sie müssen die Bauten aus ihrer großen Vergangenheit in Stand halten.

“Es gibt für den heutigen Bedarf einfach zu viele große Kirchenräume”, sagt Markus Nitschke. Er ist Gründer des Architektenbüros D:4. Die Gemeinschaft aus Theologen, Architekten und Betriebswirten gestaltet Kirchenräume um.

Audio: Markus Nitschke über modernen Bau

Sie will die Räume behaglicher machen, aber auch kostengünstiger. Das kann bedeuten, dass die Architekten alte Holzbänke gegen bequeme, frei stehende Stühle austauschen. Manchmal reicht eine Heizkostenanalyse: Dann isolieren die D:4-Mitarbeiter die Wände neu, um den Kirchenraum behaglicher zu machen. Früher hatten die Menschen Angst, im Fegefeuer zu brennen. Heute fürchten sie kalte Füße im Gottesdienst.

Die eine Gemeinde braucht mehr Platz für ihre Choraufführungen, die andere möchte für ihre älteren Mitglieder Stolperfallen beheben.Die Kirchen müssen sich stärker auf die Wünsche und Bedürfnisse ihrer Mitglieder einstellen.

Audio: Markus Nitschke über Mobilität

Wer mit der Kiez-Kirche nicht zufrieden ist, steigt einfach in die U-Bahn und fährt zur nächsten Gemeinde. “Den idealen Sakralraum wie in der Gotik, den gibt es nicht mehr”, sagt Markus Nitschke. In den 1960er Jahren bauten die Christen statt repräsentativer Kirchen funktionale Gemeindezentren. Manche Gemeinden wollten in ihrer Kirche tanzen, Theater spielen oder Ausstellungen sehen. Vorbei war die Zeit, in der Bischöfe und Kaiser die Kirchen im Alleingang bauten. Jetzt waren es die Gemeindemitglieder, die über die Form ihrer Kirchen bestimmten. “Die Kirchen aus dieser Zeit sind als solche nach außen kaum zu erkennen”, sagt Antje Fehrmann. Den sakralen Pomp ließ man weg: Keine Türme, keine Apsis (Nischen), keine Kapellen. Der Bau diente nur als äußere Hülle. Die St.-Adalbert-Kirche in Mitte zum Beispiel hat keinen Turm. Ihre Backsteinmauer fügt sich wie ein Reihenhaus unauffällig in die Häuserzeile ein.

Bitte klicken: Eindrücke von der St.-Adalbert-Kirche (vier Bilder)

Die moderne Architektur kommt nicht immer bei den Gemeindemitgliedern an. Marina Wesner arbeitet als Architektin bei D:4. “Die Menschen haben, wenn sie an eine Kirche denken, immer noch eine Kathedrale oder eine mittelalterliche Kirche im Kopf”, sagt sie. Eine moderne Kirche irritiere die Menschen erst einmal. Auch die Kunsthistorikerin Antje Fehrmann kennt dieses Probleme: “Wenn der Gläubige in eine Kirche kommt und er das Gefühl hat, er ist einem modernen Bau, der ihm nicht entspricht, dann kommt er vielleicht nicht wieder.”

Die meisten Menschen wünschen sich von einer Kirche Behaglichkeit. Sie sehnen sich nach einem Raum, in dem sie sich wohlfühlen. Auch, wenn sie ganz allein drinnen sitzen. Die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche am Kurfürstendamm ist so ein Beispiel.

Zum Vergrößern bitte klicken: Die Gedächtnis-Kirche am Kurfürstendamm

Während draußen die Autos hupen und die Büdchenverkäufer schreien, ist es im Inneren der Kirche ganz still. Der in blaues Licht gefärbte Raum wirkt wie eine Höhle. Die alten Kirchen können diese Behaglichkeit und Ruhe oft nicht mehr bieten. Vor allem, wenn die wenigen Besucher in ihren Weiten untergehen, sagt Markus Nitschke: “Wenn ich jetzt in den Berliner Dom gehe, der gut durchrestauriert ist, dann funktioniert das bei den großen Festgottesdiensten. Da sitz ich gerne da. Aber letztens war ich da bei einer Hochzeit mit 25 Leuten – das macht atmosphärisch einen großen Unterschied.”

Audio: Antje Fehrmann über neue Ansprüche

Audio: Markus Nitschke über Platzprobleme

Die Kirche St.-Canisius in Charlottenburg ist erst elf Jahre alt. Bei ihrer Planung verpflichteten sich ihre Architekten, die Gemeindemitglieder mit in die Überlegungen einzubeziehen. So machte der Prozess etwas mehr Mühe. Aber heraus kam ein durchgestylter Raum, der zugleich Freiheit und Geborgenheit ausstrahlt. Der Hauptraum ist hoch und lichtdurchflutet. Damit sich der Besucher beim Eintreten geborgen fühlt, ist die Decke im Eingangsbereich tiefer gehängt als im Hauptraum.

Bildergalerie: Die St.-Canisius-Kirche (sechs Bilder)

Andere Gemeinden haben ihre Kirchenräume  umfunktioniert. Die Menschen lassen sich nicht mehr allein vom Wort Gottes in die Kirche locken. Von Theater, Gesang und Kunst schon eher. Die Zwingli-Kirche in Friedrichshain vermietet deshalb ihre Räume für Preisverleihungen, Betriebsfeiern oder Filmproduktionen. Die St.-Adalbert-Kirche in der Linienstraße plant, im Gemeindehaus Studentenwohnungen einzubauen. Mit jungen Leuten im Haus sollen sich auch die Kirchenbänke wieder füllen. Andere Kirchen bleiben nur als Bau erhalten und erhalten eine neue Bestimmung. In der Elias-Kirche in Prenzlauer Berg ist ein Kindermuseum eingezogen. Die St.-Agnes-Kirche in Kreuzberg wird zur Galerie umgebaut. Im vergangenen Jahr haben Designer hier ihre Mode gezeigt und die Grünen einen Parteiempfang gegeben.

Bitte klicken: Die verschiedenen Gesichter der St.-Agnes-Kirche in Kreuzberg (Vier Bilder)

Roland Stolte wagt etwas Neues. Zusammen mit vier Gemeinden will er ein neues Gotteshaus bauen. Er ist im Vorstand des Bet- und Lehrhauses – Ein Haus, in dem Juden, Muslime und Christen gemeinsam glauben sollen. Jede der drei Religionen bekommt einen eigenen Raum. In einem gemeinsamen vierten Raum sollen sie aufeinander treffen und ins Gespräch kommen. Roland Stolte plant, das neue Gebäude auf dem Fundament der alten Petrikirche in Mitte zu errichten.

Zum Vergrößern bitte klicken: Der Entwurf zum Bet- und Lehrhaus

Er beschreibt die Pläne: “Jeder Raum hat einen eigenen Grundriss: Kirche, Synagoge, Moschee. Es gibt eigene Fenster, eine individuelle Dachgestaltung und eigene Gewölbegestaltung.” Alle Beteiligten waren sich einig: Sie wollen einen modernen Bau. “Weil das etwas völlig Neues ist, muss man auch in der Formensprache neue Wege gehen”, sagt Roland Stolte.

Audio: Roland Stolte über das Bet- & Lehrhaus

Um dem Bet- und Lehrhaus einen sakralen Charakter zu verleihen, verwendeten die Bauherren ein Element, das viele sakralen Bauten seit Jahrtausenden gemeinsam haben: den Kreis. Deshalb ist der Zentralraum rund und über den hohen Decken des Saals wird sich eine Kuppel wölben. In den einzelnen Räumen wollen die Projektleiter die Bedürfnisse der Religionen berücksichtigen. Auf dem Dach der Synagoge zum Beispiel sollen die Juden das Laubhüttenfest feiern können. Auch bei den Grundmauern besinnen sich die Architekten auf traditionelle Bauweisen. Statt aus einem einfachen Betonkern soll das neue Gebäude aus massiven Ziegelsteinmauern bestehen, wie die Kirchen von früher. Die Ziegelmauer des Bet- und Lehrhauses soll für die Ewigkeit bestehen.

Gebaut wird erst, wenn genug Geld da ist. Roland Stolte rechnet damit, dass bis Ende 2015 genug Spenden zusammen gekommen sind. Das Besondere: Das Projekt will sich über Crowdfunding finanzieren. Über das Internet können sich Spender einen der Ziegelsteine kaufen, aus denen später das Gotteshaus gemauert wird. So ermöglicht jeder Mensch ein weiteres kleines Stück Bet- und Lehrhaus. Das Crowdfunding-Projekt läuft weltweit: Im Sommer geht eine Website in sieben verschiedenen Sprachen online, die für das Projekt wirbt. Damit ist der Kirchenbau auf der nächsten Stufe angekommen. Kein Herrscher befiehlt mehr im Alleingang den Bau eines Gotteshauses. Jetzt sind es viele einzelne Menschen, die ihre Kirche zusammen bauen und finanzieren.