Als sie sich neu erfanden

02/21/2014

Kirchen verlieren Mitglieder, viele Berliner sind konfessionslos. Die jüdische Gemeinde in der Hauptstadt aber wächst. In Mitte hat sich eine neue jüdisch-orthodoxe Gemeinde gegründet. Shraga Ponomarov und Shmuel Khurin erzählen von ihrem Glauben.

Von Margarita Erbach

Shraga Ponomarov

Shraga Ponomarov

Shraga Ponomarov mit Baskenmütze

Es war ein Samstag, Schabbat, als Shraga Ponomarov beschloss mehr über seinen Glauben zu erfahren. Sein Vorwand war: Wissenschaftliches Interesse. Der 21 Jahre alte Shraga Ponomarov hörte, dass bald ein junger orthodoxer Rabbiner aus Berlin seine Gemeinde besuchte. Das war kein Zufall. Zehn Jahre lang war kein Rabbiner mehr gekommen und er hatte noch nie einen gesehen. Der junge Rabbiner sprach mit ihm und begriff schnell: Shraga Ponomarov war schon auf der Suche nach ihm. Deshalb lud er ihn in die Beis Zion Jeschiwa, eine Talmudhochschule, nach Berlin ein.

Gelernt wird in einer Anti-Bibliothek

Mit dem Judentum hatte Shraga Ponomarov früher nichts am Hut. Heute trägt er unter einer schwarzen Baskenmütze eine Kippa, ist 28 Jahre alt und will orthodoxer Rabbiner werden. Dafür besucht er das Rabbinerseminar und sitzt nun sieben Stunden am Tag in der Bibliothek. Ponomarov gehört zur Kahal Adass Jisroel Gemeinde in Mitte. Im Januar 2014 wurde sie gegründet und heißt übersetzt “Versammlung des Volkes Israel”.

In einem lichtdurchfluteten Raum ruhen Bücher in Regalen an der Wand. Etwa ein Dutzend Männer sitzen vor Pulten. In Zweiergruppen sprechen sie. Oder sie lesen laut eine Mischsprache aus Hebräisch und Aramäisch aus einem Buch vor. Eine Anti-Bibliothek nennt Shraga Ponomarov den Raum. Sie lernen hier zwar wie in einer Bibliothek, sollen dabei aber diskutieren, um nicht abgelenkt zu sein. Ponomarov sitzt über ein Buch gebeugt, stützt den dunklen Vollbart auf der rechten Hand ab. Einen schwarzen Anzug trägt der Rabbinerseminarist, darunter ein weißes Hemd mit kleinen Blumen. Er hebt den Kopf, sieht seinen Lernpartner durch die Brille hindurch an und spricht mit ihm auf Russisch, die Muttersprache der meisten Gemeindemitglieder.

Ponomarov kommt ursprünglich aus der Ukraine. In der Sowjetzeit wurde dort seine Familie vom jüdisch-klassischen Leben entwurzelt. Juden wurden diskriminiert und verfolgt. Viele hörten auf religiös zu leben. Das war das Schicksal seiner Großeltern und auch vieler anderer Migranten hier, sagt er. Nur wenig Religiöses blieb seiner Familie. Darunter ein jüdisches Gericht: “Warum die Oma gefilte Fisch gemacht hat, fragte man sich nicht mehr”, stellt er fest. Gefilte Fisch, gefüllter Fisch, ist ein beliebtes Gericht der aschkenasischen Juden. Sie haben ihren Ursprung in Europa. Zu ihnen gehört auch Ponomarov. Als er 16 Jahre alt war ist seine Familie nach Deutschland gezogen, weil sie sich ein besseres Leben erhoffte. Er wuchs in Rostock auf, holte das Abitur nach und arbeitete in einem Internetversand. Zweimal ist er dort vielleicht in die jüdische Gemeinde gegangen, öfter nicht. Bis dieser Samstag kam, und er von einem jungen Rabbiner hörte, der aus Berlin kommen werde.

Kein Zufallsgenerator bestimmt sein Leben

Danach erfand er sich neu. “Man hat mich nicht gefragt, ob ich geboren werden will. Und wenn ich sterben werde, wird man mich auch nicht fragen, ob ich das will”, sagt er und fügt hinzu: “Das bedeutet: Ich bin hier nicht gänzlich aus meinem eigenen Willen.” Gerade weil Gott sein Leben bestimmt und nicht ein Zufallsgenerator, sei sein Leben sinnvoll.

Der Weg zum Glauben, der an diesem Samstag begann, dauerte noch einige Monate, bis er stärker wurde, sagt Shraga Ponomarov. Er besuchte erst eine talmudische Hochschule in Jerusalem. “Da war ich ein absoluter Tourist”, gesteht er. Er traf sehr lebenserfahrene Lehrer, die ihn zu nichts gezwungen haben, obwohl er nicht beten wollte wie sie. Provozieren wollte er sie aber auch nicht, deshalb trug er eine Kopfbedeckung, wie alle anderen Männer auch, und rauchte nicht am Sabbat. 2009 zog er nach Berlin, um an der Talmudhochschule Beis Zion mehr über seinen Glauben zu erfahren. Irgendwann kam der Punkt, an dem er sich entschied, aktiv seinen jüdischen Glauben zu leben.

Seine Eltern wunderten sich anfangs über ihn. Heute sehen sie, dass er damit glücklich ist. Seine Mutter hat für ihn eine koschere Ecke eingerichtet und wenn er sie mit seiner Frau besucht, bekommt er Fleisch getrennt von Milchprodukten.

Für Ponomarov sind Rabbiner Vorbilder für ein beispielhaftes Verhalten. Das will der Seminarist auch sein und glaubt, dass er es schafft: “So hoch wie ich in der jüdischen Heiligkeit hier aufgestiegen bin, das hätte ich in der Ukraine nicht geschafft.” Mit der jüdischen Heiligkeit meint er, dass es in Deutschland ein gutes Angebot an jüdisch klassischem Unterricht gebe, speziell in seinem Seminar hätten sie Lehrer auf Weltniveau.

Die Kahal Adass Jisroel Gemeinde zieht viele jüdisch-orthodoxe Menschen an, deshalb ist sie innerhalb kurzer Zeit schnell gewachsen. Ein Grund dafür sind die vielen Einrichtungen, die ihre über 250 Mitglieder nutzen dürfen. Denn die Gebäude, in denen die Talmudhochschule Beis Zion, die Synagoge Beth Zion und ein orthodoxer Kindergarten sind, gehören der Familie Skoblo. Finanziert werden die Einrichtungen von der Ronald S. Lauder Stiftung.

Auf dem Smartphone prüft er was koscher ist

Sein Tag wird heute strukturiert durch drei Gebetszeiten – morgens, mittags und abends. Mindestens zehn Männer beten in der Synagoge. Sein Stammplatz ist die vierte Reihe rechts. Er frühstückt und isst mit seiner Frau zu Mittag. Morgens und am Nachmittag arbeitet er mit seinem Lernpartner. Für ihr Studium am Rabbinerseminar lesen sie Bücher über wirtschaftliche Gesetze, Familien- und Erbrecht. Momentan lernt er Gesetze vom Kaschrut, also die Speisegesetze. Normalerweise weiß er, was er essen darf und was nicht. Falls er unsicher ist, zückt er schnell sein Smartphone – in dem Internetforum der Gemeinde findet er auch auf solche Fragen eine Antwort.

Die Idee einer jüdisch-orthodoxen modernen Gemeinde mitten in Berlin spricht ihn an. Er schwärmt vom Männerclub, da gehen sie zusammen in die Sauna. Und die Frauen tauschen in Internetforen der Gemeinde Babystrampler, passen gegenseitig auf ihre Kinder auf, kochen füreinander, wenn jemand arbeiten muss.

In Mitte fühlt er sich prinzipiell sicher, trägt deshalb die Kippa. In einigen Bezirken würde er sie nicht tragen: “Das macht einfach keinen Sinn, das ist nicht jewish-pride, das ist einfach blöde Gefahr.” Er nennt das Unwissen darüber, was jüdisch eigentlich ist “religiöses Analphabetentum”. Das sei die schrecklichste Waffe, sagt er. “Das ist der erste Pogromstein, der ins Fenster fliegt; schon immer gewesen: im Mittelalter, Vormittelalter, zu Römerzeiten, auch heutzutage.” Shraga Ponomarov sieht seine Aufgabe darin, den jüdischen Menschen in seiner Gemeinde mit seinem Wissen zu helfen. Menschen neigten zu denken, Rabbiner hätten viele Kinder, seien alt und verknöchert. Um dem Vorurteil entgegenzuwirken, spricht er mit vielen, will erfahren was sie im Leben wollen. Genauso wie der junge Rabbiner, von dem er an einem Samstag erfuhr, er werde in seine Heimatgemeinde kommen, damals mit ihm sprach.

Shmuel Khurin

Shmuel Khurin

Shmuel Khurin im Hof seiner Gemeinde. (Alle Fotos: Margarita Erbach)

Ein pausbackiger kleiner Junge reißt die Augen auf, löst sich von seiner Mutter und ruft: “Shmuel.” Er rennt auf den Kindergarten-Rabbiner zu und umklammert dessen Knie mit den Armen. Shmuel Khurin begrüßt den Jungen, der wie er selbst eine Kippa über den aschblonden Haaren trägt. Von der Hüfte an hängen bei beiden weiße Fäden an der Hose, Zizit genannt. Der Mann und der Junge gehen zusammen die Treppenstufen hoch, in einen gelb gestrichenen Raum mit drei kleinen Tafeln an der Wand. Der Junge setzt sich zu elf weiteren Kindern dazu. An seiner Schläfe bis zum Ohrläppchen kringelt sich je eine Locke.

Seit Sommer vergangenen Jahres ist Shmuel Khurin Rabbiner im Lauder Nitzan Kindergarten. Die meisten Kinder, die den jüdisch-orthodoxen Kindergarten nutzen, kennt er aus seiner Kahal Adass Jisroel Gemeinde. An der Talmudhochschule ist der 25 Jahre alte Mann Hilfslehrer für Neuankömmlinge. Er führt sie ein in die hebräische Sprache, in das Lesen und das Verstehen. Außerdem lehrt er auch Kinder an der E-Learning-Schule im Internet.

Wegen der Talmudhochschule ist er nach Berlin gekommen

Im gelb gestrichenen Raum fragt Khurin die Kinder nach der Geschichte des Purimfestes. Einige antworten wie im Chor, dass es da um Haman geht. Manche wissen, dass er versuchte, alle Juden zu töten, es aber nicht geschafft hat. Der Kindergarten-Rabbiner nickt. Dann singen sie für ein Mädchen, das Geburtstag hatte. Erst auf Englisch das Happy Birthday-Lied, dann eine hebräische Version. Spätestens da wippt auch noch das letzte Kind mit, das vorher immerfort gähnte und das Gesicht in den Fäusten vergraben hatte.

Shmuel Khurins Familie ist 1998 nach Deutschland gekommen. In Russland hatten sie wenig Geld und die beiden Söhne sollten nicht zur Armee gehen. Er ist in Wuppertal aufgewachsen und nach dem Abitur zog er 2009 nach Berlin. Nur wegen der Talmudhochschule in der Brunnenstraße ist er gekommen. “Man kann hier wie in keiner anderen Stadt in Deutschland Thora lernen, also full-time”, schwärmt er.

Seine Eltern sind auch jüdisch, aber nicht orthodox. Sie sind in der Sowjetunion aufgewachsen. Dort war der Glaube den Menschen entrissen, sagt er. Davon ist nur geblieben, dass sie Matze – ungesäuertes Brot am Pessachfest essen und auf Schweinefleisch verzichten. Khurin hatte fast gar nichts mit dem Glauben zu tun. Mit 13 fing er an bei einem Rabbiner in der Gemeinde in Wuppertal Hebräisch zu lesen und einige Gebete zu lernen. Wuppertal habe eine große jüdische Gemeinde mit etwa 2500 Mitgliedern, sagt Khurin. Der Unterricht dort zählte auch als Religionsunterricht für das Schulzeugnis. Erst als ein neuer Rabbiner kam, der bei sich zu Hause für Jugendliche Schabbat organisierte, stieg Khurins Interesse. Dort lernte er später auch seine Frau kennen.

Die Kippa trug er auch in der Schule

Mit 16 begann er die Kippa im Alltag zu tragen. So auch in der Schule in Wuppertal. Er wurde oft gefragt, was das auf seinem Kopf sei. “Aber ich habe mich nicht komisch gefühlt, sondern ein bisschen stolz”, sagt er. Auch die Lehrer fragten ihn und er erklärte, dass das ein Gebot sei die Kopfbedeckung zu tragen. Der Direktor sei damit sehr respektvoll umgegangen, habe ihn nach den jüdischen Feiertagen gefragt und sie dann in die Klausurplanung miteinbezogen. Weil es keinen Unterschied mache wie man den Kopf bedecke, durfte er sogar eine Kappe in der Turnhalle tragen.

Seine Ahnen waren so fromm, dass sie für ihren Glauben gestorben wären. Deshalb sagt Shmuel Khurin heute: “Wie kann ich jetzt sagen, dass ich die Gebote nicht halte, wenn mein Urgroßvater dafür gestorben wäre.” Stolz fügt er hinzu, dass sein Urgroßvater auch ein Rabbiner für Kinder war.

Es ist Nachmittag. Auf der anderen Seite des Kindergartens, über den Hof, ist ein Raum zum Lernen. Nur Männer lernen dort und ein zwölf Jahre alter Junge. Der Junge ist etwas blass, trägt eine Brille und versucht Khurin zuzuhören, der ihm vorliest wie man eine Laubhütte baut: “Du musst das sagen: Für mich ist das Stroh nichts wert, für all die sieben Tage.”

Neben dem Privatunterricht, den Khurin einigen Jungen aus der Gemeinde gibt, geht er täglich auch morgens, mittags und abends zum Gebet in die Synagoge. “Mich treibt an, dass ich sehe, dass jüdische Familien, die sich an die Gebote halten, eigentlich die Glücklichsten sind”, sagt er. Denn wenn man irgendwelche Probleme zu Hause habe, dann finde sich immer ein Rat in der Thora. “Und das gibt einfach Sinn im Leben. Sonst wüsste ich nicht was der Sinn im Leben sein sollte”, fügt er hinzu. Mit 13 hat er den Sinn erworben, wie er sagt, und den hat er jetzt noch. Das Ziel sei anderen Menschen zu helfen, mit Geld oder wie man kann in der Gemeinde. Das sei auch ein sehr wichtiges Gebot.

Wichtig sei ihm, dass das orthodoxe Judentum kein Gegenteil zum modernen Leben sei: “Ich nutze Whatsapp auf meinem Smartphone und zeige meinen Eltern unseren einjährigen Sohn auf Skype.” Als er mit 13 anfing sich an die Gebote zu halten, wollte er das Richtige machen. “Meine Eltern wollten nicht, dass meine Jugend an mir vorbeigeht und ich sie nicht voll ausleben kann.” Aber er habe eine sehr gute Jugendzeit gehabt.

Seine Eltern hätten seinen Glauben nicht verstanden. Das sei schwierig gewesen, sagt er. “Sie wurden erzogen, dass die religiösen Juden nicht von unserer Welt sind, sondern die ganze Zeit nur vor einem Buch sitzen; dass nichts bei ihnen passiert und wie eine Dunkelheit über ihnen ist.” Diese Vorstellung habe sich bei seinen Eltern mit der Zeit gewandelt. Sie bemerkten, dass er sie mehr ehrte, was auf das Gebot seine Eltern zu ehren, zurückzuführen ist, sagt er. Sie haben sich sogar so an seine Religiosität gewöhnt, dass sie für sich selbst nun jede Woche einen großen Tisch für Schabbat bereiten.

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